Bildende Kunst

Wielfredo Prieto Visueller Künstler

  • Wilfredo Prieto [Havana Cultura]
  • Wilfredo Prieto Exhibition - "Much to Do About Nothing", 2014
  • apolticoh mov hi

 

 

Wenn Künstler eine Idee haben, verwandeln sie sie in ein Gemälde oder eine Skulptur. Wenn Wilfredo Prieto eine Idee hat, macht er damit so wenig wie möglich. Das heißt nicht, dass er nicht hart an dieser Idee arbeitet - er arbeitet manchmal Monate oder gar Jahre an seinen künstlerischen Projekten-, aber er ist gut darin, jeden Hinweis auf seine Bemühungen zu verstecken.

Auf der Havanna Biennale 2006 präsentierte er eine faulende Bananenschale, ein Stück Seife und einen Klecks Schmierfett, die er adrett übereinandergestapelt auf dem Boden des Ausstellungsraums platzierte. Nicht wenige Besucher, die die wochenlange Installation im Santa-Clara-Konvent besuchten, fragten sich "Ist das alles?", und in der Tat, das war alles. Aber möglicherweise war es die Idee (oder zumindest Teil der Idee) von "Grasa, Jabón y Plátano" ("Fett, Seife und Banane"), dieses Gefühl der Verwunderung hervorzurufen.

Wilfredo Prieto ist wie ein Zauberkünstler, der die einfachsten Gesten benutzt, um uns in Staunen zu versetzen, oder wie ein Einbrecher, der es schafft, mit Scharfsinn das sogar raffinierteste Alarmsystem zu umgehen.

"Meine Ideen kommen, glaube ich, aus der Alltagserfahrung", erklärt Prieto. "Und ich glaube, meine Arbeit als Künstler ist es nicht wirklich, diese Ideen zu schaffen, sondern sie einzufangen. Sie schweben durch die reale Welt wie Wolken. Sie sind einfach da; jeder kann sie sehen und einsammeln. Sie gehören allen, weißt du?"

Unser Interview findet im John-Lennon-Park in Havanna, ein paar Blocks von Prietos Apartment entfernt, statt. Er sitzt auf einer Bank einige Meter neben der Statue von John Lennon. Derselbe Park war einmal der Schauplatz von "Sacando al perro y comiendo mierda" ("Mit dem Hund spazieren gehen und Scheiße essen", 2007), einer öffentlich zugänglichen Installation, die aus dem Platzieren von menschlichem Kot zwischen bereits vorhandenen Hundehaufen bestand. Der Titel dieser Installation spielt mit dem Konzept der "Zeitverschwendung" (auf kubanischem Spanisch auch "comiendo mierda", d.h. "Scheiße essen"). Aber der Künstler lässt das Werk lieber für sich selbst sprechen.

Prieto beginnt seine Sätze immer wieder mit "ich glaube" und beendet sie oft mit einem Fragezeichen, so als ob es ihm widerstrebe, Schlüsse zu ziehen. Man könnte sagen, dass Prietos Kunst eine ähnliche Zurückhaltung aufweist und dabei mit Unsicherheiten spielt und etwas heraufbeschwört, das uns passieren könnte, aber es wahrscheinlich nicht tut - also, etwa auf einer schmierigen, seifigen Bananenschale bei einer Kunstausstellung ausrutschen oder menschlichen Kot in einem öffentlichen Park aufzufinden. Er arbeitet so lange am Gewöhnlichen, bis es unwahrscheinlich oder sogar unmöglich wird. In Bezug auf den Sinn seiner Werke ist er typischerweise großzügig mit Anhaltspunkten, aber er überlässt die detektivische Arbeit lieber dem Betrachter.

 

 

In einer Galerie in Barcelona legte er einmal einen kleinen Teppich auf den Boden und sammelte dann in der Galerie alle kleinen Dreckstückchen und jeden Staub auf, den er finden konnte, und kehrte schließlich alles unter den Teppich (Ohne Titel/Roter Teppich, 2007). "Das war etwas schwer zu verstehen für die Leute, wenn sie nicht unter den Teppich guckten", erinnert sich Prieto.

Meistens sind die fehlenden Elemente in Prietos Werken offensichtlich - nach dem Motto: was ist falsch an diesem Bild? Er verwandelte einmal ein kanadisches Museum in einen Tanzclub, der komplett ausgestattet war mit Diskolicht, Tanzfläche etc. - alles, was man eigentlich erwarten würde, außer der Musik (Stumm, 2006). Die mehr als 6.000 Bücher, aus der sich seine Biblioteca Blanca (Weiße Bibliothek, 2004) zusammensetzte, sind ausnahmslos unbedruckt. Und die 30 Fahnenmasten von Apolítico (Apolitisch, 2001), sein bekanntestes Werk, sind mit Nationalflaggen, bei denen die eigentlichen Farben durch Grautöne ersetzt wurden, beflaggt.

"Es ist sehr merkwürdig. Denn ich habe einen Universitätsabschluss in Malerei und in den letzten 10 Jahren nichts mehr gemalt. Ich glaube, es gibt dort draußen in der heutigen Welt wirklich interessante Malereien, aber für mich hat es keinen Sinn. Ich meine, ich suche Ideen, und diese Ideen bieten mir ein Medium, und dieses Medium ändert sich je nach der jeweiligen Idee oder dem Konzept, an dem ich arbeite. Ich hänge niemals zu sehr an einer bestimmten Arbeitsweise."

Künstler haben natürlich seit spätestens 1914, als Marcel Duchamp ein gewöhnliches Flaschengestell fand und beschloss, es als Kunst zu bezeichnen, die Leinwand hinter sich gelassen und neue kreative Wege gesucht. Die Idee wurde in den 60er Jahren zum Lauffeuer, als sich jeder, der nicht malte oder bildhauerte, als Konzeptkünstler bezeichnen konnte. Prieto wurde in der kubanischen Provinz Sancti Spíritus 1978, in einer Epoche lange nach Duchamps Tod geboren. Er zog nach Havanna, um sein Kunststudium an der berühmten kubanischen Kunsthochschule ISA aufzunehmen. 2002 machte er dort seinen Abschluss. "Ich bewundere Duchamp sehr", bekennt Prieto. "Er ist mehr als ein Einfluss, er ist unvermeidlich." Prieto hat versucht, sich von jeglicher traditioneller Art, Kunst zu schaffen, zu distanzieren (so wie es jeder gute Konzeptkünstler tun sollte) und gleichzeitig von sämtlicher historischer oder kultureller Betrachtung frei zu bleiben.

"Ja, ich bin kubanischer Künstler", sagt er. "Aber ich sehe mich nicht als ein Klischee des kubanischen Künstlers. Ich versuche, mich von meinen Wurzeln, von allem, was mich zu dem, was ich bin, gemacht hat, zu distanzieren. Ich glaube, dass das Wichtigste in der Kunst ist, diese Art von Abstand zu nehmen, der es dir ermöglicht, dich selbst besser kennen zu lernen. Über einen bestimmten Stil oder Ansatz in der Kunst nachzudenken, schränkt die Kreativität nur ein, nicht wahr?"

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Prietos Arbeit weltweit so gut aufgenommen wird - es handelt sich um etwas offenkundig "universales". Apolítico wurde in Havanna eingeweiht und bisher in Irland, Italien, Holland, Kanada, den USA, Australien und Frankreich gezeigt. Die Biblioteca Blanca wurde erstmals in Barcelona ausgestellt und reiste zu den Biennalen in Singapur und Venedig und wird demnächst in Österreich gezeigt. Prieto gewann unlängst den 2008 Cartier Award, der ihm zu einem dreimonatigen Aufenthalt in London berechtigt. Derzeit bereitet er eine neue Installation für die Frieze Art Fair 2008 vor.

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